Anamnese

Die Anamnese kann wertvolle Hinweise auf mit der Maulhöhle zusammenhängende Erkrankungen geben. Eine Kopfschiefhaltung während des Fressens kann zum Beispiel auf einen erkrankten Backenzahn hinweisen. In der Anamnese muss erfragt werden, ob es Probleme im Training, im Fressverhalten oder nach der letzten Zahnbehandlung gab. Auch vorangegangene Erkrankungen wie Koliken, Schlundverstopfungen, rezidivierende Tränennasenkanalverstopfungen, Sinusitiden oder regelmäßiger Husten, sobald das Pferd intensiv gearbeitet wird oder frisst, sollten in Erfahrung gebracht werden. Ein wichtiges Symptom kann auch das Headshaking sein, dem ebenfalls eine Zahnproblematik zu Grunde liegen kann. Die Angaben sind durch den Betrachtungswinkel des Tierbesitzers jedoch oft subjektiv.

Objektiver sollten hingegen die vom Tierarzt durchgeführten Beobachtungen sein. Aus der Betrachtung (Adspektion) des Umfeldes ergibt sich eine Reihe von wichtigen Erkenntnissen.

Physiologischerweise verlässt kein Futterpartikel mehr die Maulhöhle, wenn er aufgenommen wurde. Geschieht dies dennoch, ist es meist ein Anzeichen von ungenügender Kaumöglichkeit. Auch Verhaltensauffälligkeiten wie exzessives Nagen reihen sich hier ein.

Die eingehende Adspektion und Untersuchung des gesamten Tieres gibt einen Anhaltspunkt dafür, ob beispielsweise eine Sedation bei dem Patienten durchgeführt werden kann. Bei Vorliegen einer schlechten Allgemeinverfassung ist diese mit Risiko behaftet.

Bei der spezifischeren Untersuchung des Kopfes kommen mehrere Untersuchungsarten zum Einsatz. Neben der klassischen Untersuchung durch Betrachten, Betasten (Palpation) und Beklopfen (Perkussion) spielt auch der Geruch (olfaktorische Untersuchung) eine große Rolle, der sowohl als Geruch aus der Maulhöhle (Foetor ex ore) als auch als Geruch aus den Nasenöffnungen (Foetor ex nasi) auftreten kann. Weiterführend kann die Untersuchung mittels bildgebender Verfahren (Ultraschall, Röntgen, CT, MRT und Thermografie) erfolgen. An den knöchernen Anteilen des Kopfes (Schädel) sind manchmal deutliche Hinweise auf Zahn- bzw. Kiefererkrankungen zu beobachten. Auch die Weichteile des Kopfes können sowohl Ursache von Fressproblemen sein als auch auf diese hinweisen. In der Kopfregion gibt es durch Nasenausfluss, Schilddrüsenveränderungen, Gefässbesonderheiten, Tumore und veränderte Druckverhältnisse eine ganze Palette von Möglichkeiten, die Hinweise auf Probleme in der Maulhöhle mit sich führen.

Das letzte Glied dieser Untersuchungskette beginnt mit der eingehenden Untersuchung des Maulhöhlenvorhofes (Vestibulum oris) und der Maulhöhle (Cavum oris proprium) mit den Zähnen, angefangen mit Lippenveränderungen und Schleimhauterkrankungen über Befunde die im Bereich der Schneidezähne bis hin zu Veränderungen an den Mahlzähnen.


Schneidezähne

Die Schneidezahnproblematik gliedert sich in drei Hauptaspekte:

  1. Abweichung der Schneidezähne von der physiologischen Lage der Anzahl und der Form
  2. Erkrankung der zahnumliegenden Gewebestrukturen
  3. Sonstige Schneidezahnerkrankungen und –veränderungen, hierunter sind die Folgen des Fehlverhaltens (Koppen und Wetzen), die Zahnchirurgie (Zahn- und Kieferfrakturen und –extraktionen) sowie als Sonderform der Schneidezahnerkrankung die EORTH eingeschlossen.

Ein Vorbiss ist eine rostro-kaudale Fehlstellung, bei der die Schneidezähne des Oberkiefers unphysiologisch weit über die Unterkieferschneidezähne hinausragen.

Der Rückbiss, bei dem die Schneidezähne des Oberkiefers direkt über oder hinter den Unterkieferschneidezähnen liegen.

Die Unterzahl der Schneidezähne wird Oligodontie genannt, die echte Überzahl Polyodontie, Probleme des Milchzahnwechsel im Sinne einer unechten Überzahl Pseudopolyodontie und das Auftreten überzähliger Zähne, die von der Bauart her nicht zu den Schneidezähnen gehören, heterotrope Polyodontie.

Jede Anpassung des Gebisses hat die Wiederherstellung der Normokklusion zum Ziel. Der mangelnde Abrieb (Abrasion) der Schneidezähne wird durch die heutigen Haltungsbedingungen und die nicht mehr naturgemäße Ernährungsweise der Pferde verursacht. Entwicklungsgeschichtlich ist das Pferd ein Steppentier, d.h. silikathaltige Pflanzen wie harte, gelbe Gräser und Gestrüpp bildeten die physiologische Nahrungsgrundlage. Durch Verbiss und Konsum dieser Pflanzen war ein gleichmäßiger Abrieb aller Zähne mit dem Nachwachsen (bis zum 15. Lebensjahr ca. 2 3 mm im Jahr) bzw. Herausschieben der Zähne aus dem Kiefer gegeben.

Bei der Okklusionsverbesserug wird eine Normokklusion angestrebt, die als ausbalancierte, gleichmäßige Druckbelastung der Okklusionsflächen aller Zähne definiert wird.


Diastema

Das Diastema ist der Raum zwischen den Schneide- und Backenzähnen. Dort befinden sich die Hengst- und Wolfszähne.

Im Unterkieferbereich, wo das Trensengebiss aufliegt, wird das Diastema Lade genannt. Immer wieder kommt es im Bereich der Lade zu Quetschungen oder Schwellungen und ulzerösen Veränderungen der Schleimhaut, die auch durch Gummigebisse hervorgerufen werden können. Auch der Maulwinkel ist in die Untersuchung einzubeziehen. Hier sind oft Spuren unsachgemäßer Zügeleinwirkung zu erkennen, was von einfachen Quetschungen bis zu tiefen Geweberissen reichen kann. Auch sind hier Melanome nicht selten. Häufig auftretende Exostosen im Bereich der Unterkieferlade (Knochenfalz vor dem 6er) sind ebenfalls auf unpassende Gebisse zurückzuführen.

Hengstzähne sind als Kampfzahn bei den männlichen Tieren physiologisch immer vorhanden. Ca. 20 Prozent der weiblichen Tiere weisen ebenfalls Hengstzähne auf. Somit kann von einer pathologischen Oligodontie von Hengstzähnen nicht ausgegangen werden. Hengstzähne können sowohl durch die Schleimhaut durchtreten als auch versteckt vorkommen. Blinde Hengstzähne sind oft störend, da sich in diesem Raum das Trensengebiss bewegt. Bei männlichen Tieren müssen sie von der Schleimhautkappe befreit, bei weiblichen Tieren in vielen Fällen komplett entfernt werden. Wenn die Extraktion von Hengstzähnen notwendig wird, ist dies häufig ein schwieriger chirurgischer Eingriff, da Hengstzähne meist eine sehr lange Wurzel aufweisen.

Der Wolfszahn (Dens lupus) ist ein Relikt eines siebten Backenzahnes ohne Mahlfunktion. Er kommt rasseabhängig bei bis zu 50 Prozent der Population vor. Wolfszähne findet man sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer.

Für das Training eines Pferdes am problematischsten dürften die so genannten blinden Wolfszähne sein, die nicht durch die Schleimhaut brechen. Bei diesen meist sehr kleinen Zähnen drückt das Trensengebiss die Schleimhaut schmerzhaft gegen den darunter liegenden Zahn. Wolfszähne kommen auch als Milchwolfszähne vor, sodass eine Extraktion beim 6 Monate alten Pferd keine Garantie dafür ist, dass bei Ausbildungsbeginn keine Wolfszähne vorhanden sind. Es empfiehlt sich aus praktischen Gründen ohnehin, Wolfszähne im Alter von ca. 2 oder 3 Jahren zu ziehen, weil erst dann die 6er als Widerlager für die chirurgischen Instrumente (z. B. für den Beinschen Hebel) dienen können. Die Extraktion der Wolfszähne sollte unbedingt vor Trainingsbeginn erfolgen, um eine negative Erfahrung des jungen Pferdes durch schmerzhafte Gebisseinwirkung auf die Wolfszähne zu vermeiden.


Mahlzähne

Im Gegensatz zu den Schneidezähnen ist bei den Mahlzähnen die Diagnostik und Differenzierung der Erkrankungen durch die räumliche Enge deutlich erschwert. Daher ist eine exzellente Ausrüstung (Stirnlampe, Zahnspiegel, Maulgatter und Dentalsonde) nötig. Die visuelle Untersuchung ist systematisch von rostral nach kaudal und in jedem Quadranten zunächst gesondert, dann im Verhältnis zueinander, durchzuführen. Die gleiche Vorgehensweise wird mittels Zahnspiegel und Dentalsonde zur Kontrolle der Infundibeln und Pulpen sowie beim Betasten angewendet. Viele Befunde sind besser tast- als sichtbar. Dies betrifft z. B. kleine Milchzahnsplitter im Unterkiefer unter der Zunge, oder Slapfrakturen (scheibenförmige Zahnteilfrakturen), die im Oberkiefer bukkal auf Schleimhautniveau liegen. Auch akustische Signale sind von Bedeutung, wenn sie wiederholbar sind. So hat z. B. das Quietschen bei der Latero-Lateralbewegung von Ober- und Unterkiefer seinen Ursprung in mangelndem Zahnschmelz und spiegelglatten Okklusionsflächen (Glatzen). Knallende Geräusche sind zu beachten, wenn der Kauwinkel so steil ist, dass sich die Kiefer nur noch in ventro-dorsaler Richtung bewegen können. Dies knallende Geräusch wird durch die große Vorspannung des Musculus masseter erzeugt, wenn bei seitlicher Scherung eine Lücke zwischen den Okklusalflächen der Backenzähne entsteht, die dann impluosionsartig geschlossen wird. Einzelne zu lange Zahnteile im Mahlzahnbereich erzeugen ein schabendes Geräusch. Lose Mahlzähne können zu einem schmatzenden oder dumpfen Geräusch führen.

Die Okklusalebene der Backenzähne ist in rostro-kaudaler Richtung physiologisch mit einer ventral gerichteten Kurve versehen, diese nennt man die Spheesche Kurve. Diese ist kopfform- und rasseabhängig unterschiedlich ausgeprägt. So ist sie beim gerade geschnittenen Traberkopf kaum vorhanden, während sie bei Showarabern mit deutlichem Hechtkopf eine starke Ausprägung erfährt. Das ist für die Betrachtung und Bildinterpretation von Bedeutung. Bei der Korrektur der Mahlzähne darf sie etwas vermindert, jedoch nie ganz beseitigt werden.


Anomalien

Im Schneidezahnbereich ist allen Abweichungen – wie der Unterzahl (Oligodontie) und der echten Überzahl (Polyodontie), Problemen des Milchzahnwechsels im Sinne einer unechten Überzahl (Pseudopolyodontie) und dem Auftreten überzähliger Zähne, die von der Bauart her nicht zu den Schneidezähnen gehören (heterotrope Polyodontie) – gemeinsam, dass sie eine ungleiche Druckbelastung einzelner Schneidezähne nach sich ziehen und sich durch das Nachwachsen bzw. Nachschieben der Zähne die Druckverhältnisse immer weiter von der Normokklusion entfernen.

Normokklusion wird als ausbalancierte, gleichmäßige Druckbelastung der Okklusionsflächen aller Zähne definiert.

Die Kombination von Zubildungen und Abbau von zahnumliegendem Gewebe und Zahngewebe nennt sich EOTRH (Equine Odontoklastische Absorptions- und Resorptionsvorgänge).

Die Unterzahl von Mahlzähnen ist selten, tritt aber bei Pferden mit Zwergenwuchs gehäuft auf. Man unterscheidet die genetisch bedingte, echte Oligodontie von der durch Zahnverlust erworbenen Oligodontie. Bei der echten Oligodontie ist eine Verringerung der Häufigkeit nur durch zahndokumentierte Eltern zu erreichen. Die Anzahl der erworbenen Oligodontien hingegen lässt sich durch regelmäßige Zahnpflege verringern. Die klinische Relevanz dieser Veränderung besteht aus einer Verzahnung der Mahlzähne durch Fehlen der Antagonisten. Dies führt zu einer deutlich verschlechterten Mahlfähigkeit.

Die Überzahl von Mahlzähnen tritt meistens in Form eines zwölften Zahnes im 1. und 2. Quadranten auf. Diese zusätzlichen Zähne können in Größe, Form und Anzahl der Wurzeln sehr variieren. Wie bei der Oligodontie besteht die klinische Relevanz der Polyodontie ebenfalls aus einer Verzahnung der Mahlzähne durch Fehlen der Antagonisten, was zu einer deutlich verschlechterten Mahlfähigkeit führt. Die Behandlung erfolgt mittels Zahnentfernung oder, sofern dies nicht möglich ist, durch regelmäßige Kürzung der überzähligen Zähne. Man unterscheidet die autotrophe und die heterotrophe Polyodontie. Während bei der autotrophen Polyodontie überzählige Zähne der gleichen Bauweise in Fortführung der Arkade vorkommen, liegenkönnen bei der heterotrophen Mehrzahnigkeit unterschiedlichste Formen der Zahnanlage auftreten. Dazu gehören auch die versprengten Zahnanlangen.


Erkrankungen

Verletzungen sind die häufigsten Erkrankungen der Weichteile. Sie können als stumpfe oder spitze Traumata von außen, durch die Zähne selbst oder durch Fremdkörper, hierzu gehört auch das Trensengebiss, verursacht werden.

Neoplasien kommen beim Pferd selten vor, im eigenen Patientenaufkommen von über 8.000 Pferden nicht mehr als 80 Mal. Über die Hälfte dieser Tumore waren Melanome. Die Neoplasien der Maulhöhle des Pferdes werden üblicherweise unterteilt in osteogene Tumore (Osteodarkom), odontogene Tumore (Osteosarkom, Odontotom), Tumore der Weichteile (z.B. Plattenepithelkarzinom) und andere orale Zubildungen (Melanom, Fibrosarkom). Die oft genannten Zementome im Schneidezahnbereich werden durch das EOTRH besser beschrieben und sind daher dieser Erkrankung zuzuordnen.

Bei EOTRH (Englisch: Equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis) handelt es sich um eine noch selten beschriebene, schmerzhafte Störung um Schneidezahnbereich, die unterschiedliche Formen von Periodontitis mit resorptiven oder schweren Veränderungen der verknöcherten Zahnstruktur hervorruft. Es ist noch immer unklar, welche Ursache diese pathologischen Veränderungen im Wurzelbereich haben. Grundsätzlich führt die Problematik zu funktionellen Einschränkungen, besonders dann, wenn nur einzelne Zähne im Schneidezahnbereich betroffen sind und es demzufolge zu mangelhaften Abrasionen kommt. Insgesamt ist ein sich im Wurzelbereich stark aufbauender Druck verantwortlich dafür, dass jeder dieser Zähne im Laufe der Zeit gezogen werden muss. Eine rechtzeitige Schneidezahnanpassung im Sinne einer vollständigen Entlastung der erkrankten Zähne hat sich als sinnvoll erwiesen. Sie dient zum einen dazu, den Entwicklungsprozess zu verlangsamen, kann aber auch eine Lösung des Problems darstellen. Die am häufigsten betroffenen Rassen sind Fjordpferde und Isländer, allerdings kommt die Erkrankung auch bei anderen Rassen vor.