Veranstaltung: vom 4.-11. August 2019 findet die Weltmeisterschaft der Islandpferde im Pferdesportpark Berlin-Karlshorst statt.

Auch Martin Grell wird auf diesem Ereignis anzutreffen sein. Er leitet am 07.08.2019 den Informationsstand der IGFP. Den Besuchern werden im Programmspunkt “Arbeitswelt Pferd” viele wissenswerte Informationen über Berufe rund ums Pferd, Ausbildungsmöglichkeiten und verschiedene Studiengänge vorgestellt.

Vorab ein Interview mit Martin Grell:

Warum müssen Pferde zum Zahnarzt? 

Im Gespräch mit Pferdedentalpraktiker Martin Grell 

Ein intaktes Pferdegebiss hat Auswirkungen auf den gesamten Pferdeorganismus. Das weiß FEI**** Tierarzt und Pferdedentalpraktiker Martin Grell aus Erfahrung. Wir sprachen mit ihm, warum Pferde dazu oft eine regelmäßige Tierarztbehandlung benötigen. 

Warum muss ein Pferd zum Zahnarzt? In der freien Wildbahn ist das doch nicht so?

Erstens ist die Nahrung in der freien Wildbahn anders. Dort muss das Pferd hartes, festes Steppengras beißen und mahlen. Die Zähne des Pferdes wachsen bis zu 3 mm im Jahr nach und werden bei unserer Haltung nicht entsprechend abgenutzt. Wenn das Pferd nur Heu isst, werden die Schneidezähne im Verhältnis zu wenig abgenutzt, weil kein Gras geschnitten werden muss damit. Bei den Backenzähnen ist oft der Kauausschlag nicht weit genug, um die Außenkanten genug abzuschleifen. Hinzu kommt: Durch die Zucht werden die Köpfe immer keilförmiger, der Unterkiefer schmaler und die aufeinander liegenden Zahnflächen kleiner. Dadurch entstehen im Oberkiefer außen und am Unterkiefer innen scharfe Ränder wie Rasiermesser. Das verletzt die Pferde im Maul und an der Zunge, die dann nicht mehr seitlich kauen wollen. Deswegen muss man die Außenkanten im Oberkiefer runden und die Innenkanten zur Zunge abrunden, damit das wieder ein physiologisches Mahlen ist. Es ist also eine Kombination aus Ernährung und Zucht, warum die Pferde regelmäßig zum Pferdedentisten müssen.  

Wie läuft die Behandlung ab?

Zunächst wird das gesamte Pferd untersucht, die Bemuskelung angesehen. Wenn Rücken und Oberhals schlecht sind, dann haben die Zähne oft Probleme. Das ist so, weil die Pferde unbewusst den schmerzenden Kopf immer oben halten. Es ist wie bei einem selbst: Wenn man sich in den Finger schneidet, dann hält man den Finger auch automatisch über das Herz, damit es nicht puckert. Wenn man Zahn- und Kopfschmerzen hat, dann lernen die Pferde, den Kopf länger als normal oben zu halten und drücken den Rücken weg.  

Dann schaue ich mir die Schneidezähne an. Die Schleimhaut sollte bis zum Kronrand kommen. Hat das Pferd Parodontose, kann das an der mechanischen Fehlbelastung der Zähne liegen. Durch Korrektur der Schneidezähne bekommt man Parodontose gut in den Griff. Bei den Backenzähnen kann man von außen fühlen, ob es sich wie ein Brotmesser anfühlt. Das ist ein erstes Zeichen für Haken. Dann leuchtet man mit einer Kopflampe hinein und kann als ausgebildeter Tierarzt die Zähne abtasten. So fühlt man Wellen, Kauwellen, etc. Dazu muss man wie bei normaler Zahnpflege oder Kleinigkeiten als erfahrener Tierarzt nicht sedieren. Eine Grundbehandlung erfordert allerdings eine Sedierung, weil es für die Pferde schmerzhaft ist. 

Bei der Behandlung reduzieren wir die scharfen Kanten, gleichen die Kaufläche teilweise an, damit alles miteinander im Pferdegebiss arbeitet. Das Zauberwort heißt Okklusion, also alle Zähne sollen die gleiche Kaubelastung bekommen, den gleichen Kaudruck. Dafür sind sie gebaut.  Gibt es da ein Ungleichgewicht, kann der gegenüberliegende Zahn kaputt gehen vom Kaudruck, der beim Pferd bis zu einer Tonne sein kann. 

Woran merke ich, dass ein Pferd Zahnschmerzen hat?

Oftmals ist der Vorbericht: Lässt sich ungern an den Ohren anfassen. Das ist fast immer ein Hinweis auf Zahn- oder Kiefergelenksprobleme. Auch wenn es schief kaut, den Kopf schief hält oder das Gras rollt als Wickel, ist das ein Zeichen. Allerdings wachsen die Kanten schleichend. Aber auch bei der Rittigkeit lassen sich Zahnschmerzen bemerken. Oft sind es dann eben doch die Zähne. 

Wie wird man Pferdedentalpraktiker?

In Deutschland gibt es kein Studium für Pferdezahnärzte. Tierärzte können sich in diesem Bereich nur fortbilden und auf Zähne spezialisieren. Sie lernen allerdings alles in der Theorie. Doch diese Zusatzbezeichnung muss auch die Tierärztekammer zulassen, was in Brandenburg leider nicht der Fall ist. Außerdem gibt es die Ausbildung zum Pferdedentalpraktiker, etwa bei der IGFP oder der amerikanischen EAED. Sie ist theoretisch und man muss auch eine praktische Prüfung ablegen. Dieser Begriff ist auch geschützt. 

Woran erkennen Pferdehalter einen guten Dentalpraktiker

Es gibt einige Faustregeln: Eine Zahnbehandlung braucht Minimum eine halbe Stunde, bis alles ordentlich ist. Ist ein Arzt also schneller fertig, sollte man über die Qualität nachdenken. Außerdem sollte man darauf achten, ob die Schneidezähne mit einbezogen werden in die Behandlung. Das heißt nicht, dass immer was gemacht werden muss, aber es muss mit befundet werden. Und dann ist da noch die instrumentelle Ausrüstung. Mit einer Handraspel und einer Maschine bekommt man das nicht hin. Ich habe 12 Raspeln und 4 bis 5 Aufsätze für die Backenzähne zum Schleifen. Als letztes ist die Nachkontrolle wichtig. Nach der Behandlung muss ich durch seitliches Verschieben des Kiefers prüfen, ob der Druck auf allen Zähnen gleich ist. Das hört man am Mahlgeräusch und am Zusammenspiel der Zähne. 

Was macht Ihnen an Ihrem Job besonders Spaß?

Ursprünglich bin ich normaler Viechdoktor und habe die Zähne dazu genommen. Mir machen die vielen positiven Auswirkungen der Zähne auf den Gesamtorganismus Spaß. Durch das vermehrte Kauen und Speicheln ist der Magen besser geschützt. Die Nahrung wird besser verwertet, die Muskeln bauen besser auf, das Immunsystem ist stabiler. Und bei vielen alten Pferden geht sogar manch kleine Lahmheit wieder weg, weil die Muskulatur fester wird.  

Wie oft sollte der Pferdezahnarzt konsultiert werden?

Die Regel ist einmal im Jahr für Pferde, die den Zahnwechsel schon hinter sich haben. Während des Zahnwechsels sehen wir sie lieber alle halbe Jahr. Bei Pferden über 25 Jahren reicht auchjedes zweite Jahr. Das muss man dann individuell sehen. Und wenn nichts zu machen ist, ist es doch auch schön.